Albanien 2018 – Teil 9: Wilde Wasser und neue Länder

Mit allen Wassern gewaschen

Sonntag, 29.07.2018

War das eine herrliche Nacht: Nicht zu warm und kein Hundegebell. Um halb zehn wache ich auf, inzwischen hat die Sonne ihre ganze Kraft entfaltet. Ich wage mich an die Dusche, Gerüchten zufolge soll sie warmes Wasser haben. Hat sie auch, und die provisorische Bretterbude sorgt dafür, dass man sich fast so wohl fühlt wie unter freiem Himmel. Herrlich.

Morgens halb zehn auf dem Albturist Campingplatz bei Përmet

Morgens halb zehn auf dem Albturist Campingplatz bei Përmet

Beni, der Besitzer des Campingplatzes Albturist EcoCamping Përmet, betätigt sich gleichzeitig als lokaler Fremdenführer und organisiert Adventure Touren, unter anderem auch Rafting-Touren auf der Vjosa mit dem eigenen Schlauchboot. Die beiden Franzosen und die Dänin würden um halb elf mit ihm auf eine Rafting-Tour starten und ob ich Lust hätte, mich der kleinen Gruppe anzuschließen. War so zwar gar nicht geplant, aber wer mich kennt weiß, wie sehr ich Spontanentscheidungen liebe.

Startpunkt der Raftingtour auf der Vjosa

Startpunkt der Raftingtour auf der Vjosa

Also schnell Badehose und Badelatschen angezogen und los geht es mit dem Jeep und dem Schlauchboot auf dem Anhänger rund sieben Kilometer flussaufwärts. Ich kenne die Vjosa von meiner letzten Albanien-Reise. Eigentlich schimmert der Fluss in leuchtendem Türkis, heute zeigt er sich grau und trüb. In den letzten Wochen hat es in Albanien viel geregnet, auch ich habe auf dieser Tour schon mehrere Gewitter erlebt. Durch den Regen werden eben auch hier viele Sedimente von den Bergen ausgewaschen und mit den Flüssen forttransportiert.

Gleich kann es losgehen: Rafting auf der Vjosa

Gleich kann es losgehen: Rafting auf der Vjosa

Beni, unser Rafting-Guide, versorgt uns mit Schwimmwesten und Helmen und jagt uns sogleich in das doch ziemlich kalte Wasser des Gebirgsflusses, damit wir uns schon einmal an das Kühle Nass gewöhnen können. Gemeinsam hieven wir anschließend das knallgelbe Schlauchboot ins Wasser. Nach einer kurzen Einweisung zur Benutzung der Paddel kann es auch schon losgehen, wir lassen uns von der Strömung treiben und treffen alsbald auf die ersten kleinen Stromschnellen. Trotz relativem Niedrigwasser ein Heidenspaß.

Kleine Pause auf der Rafting-Tour auf der Vjosa

Kleine Pause auf der Rafting-Tour auf der Vjosa

Zwei Stunden werden wir für die sieben Kilometer zurück zum Campingplatz benötigen, natürlich nicht, ohne unterwegs ab und an mal das Boot zu verlassen. Felsenklettern, Schwimmen und Klippenspringen gehört zu einer echten Raftingtour bei Beni zum Komplettprogramm dazu.

Auf halbem Weg bei Petran vereinigt sich die Vjosa mit dem Nebenfluss Lengarica, welcher merklich wärmer zu sein scheint als die Vjosa selbst. Kein Wunder, liegen doch nur wenige Kilometer flussaufwärts die heißen Quellen von Bënjë.

Inzwischen verfolgt uns ein Gewitter, und so beeilen wir uns etwas, um rechtzeitig vor dem Regen zurück am Campingplatz zu sein. Just on time erreichen wir den Campingplatz, ich biete Beni an, ihn zu seinem Jeep, den er am Eintrittspunkt hat stehenlassen, zu fahren. Ansich wollte er per Anhalter fahren, das ist in Albanien nach wie vor gang und gäbe.

Përmet, ein Gewitter zieht auf

Përmet, ein Gewitter zieht auf

Kaum an seinem Jeep angekommen, fängt es auch schon an zu regnen. Ich fahre zurück zum Campingplatz und halte einen kleinen Mittagsschlaf.

Am Nachmittag verabrede ich mich mit der netten Dänin zum Essen in Përmet. Die 6.000-Einwohner-Stadt liegt etwas erhöht beidseits der Vjosa, deren Wasserstand zwischen Sommer und Winter um bis zu zehn Meter variieren kann. Wir finden eine super leckere Pizzeria und machen anschließend noch einen kleinen Stadtbummel durch die komplett untouristische Stadt. Der Dänin finden wir noch einen Geldautomaten, und für unsere Gastgeberin Dona besorgen wir eine saftige Wassermelone, acht Kilo für 200 Lek (1,60€).

Përmet, Albanien

Përmet, Albanien

Gerade rechtzeitig vor dem nächsten Gewitter erreichen wir den Campingplatz. Den Abend verbringe ich mit den Franzosen, der Dänin und unserer Gastgeberin Dona bei einem leckeren Glas Wein unter altem Baumbestand, während auf der anderen Seite der Schäfer mit seiner riesigen Schafherde in den Sonnenuntergang zieht. Einzig auf Simon, das Campingplatz-Schaf, müssen wir aufpassen, dass es sich der Herde nicht versehentlich anschließt.

Sonnenuntergang mit Schafen, Albturist Campingplatz Përmet

Sonnenuntergang mit Schafen, Albturist Campingplatz Përmet

Spontan mal nach Griechenland

Montag, 30.07.2018

Ansich kam ich nach Përmet, weil ich zum Osum-Canyon wollte, um dort eine Rafting-Tour zu machen. Allerdings hatte ich nun gestern eine wunderbare Tour dergleichen mit dem vermutlich besten Tourguide, den man sich wünschen kann, und nebenan soll es noch tolle heiße Quellen und einen Canyon geben, den man zu Fuß durchwandern können soll. Und wo genau der Osum-Canyon nun ist, darüber scheiden sich die Geister.

Albturist Camping Përmet

Albturist Camping Përmet

Statt zum Osum-Canyon möchte ich mir heute die Quellen bei Bënja und die Lengarica-Schlucht anschauen, beide sollen sehr sehenswert sein, berichtete mir gestern abend eine niederländische Familie, die heute morgen mit Beni zur Rafting-Tour aufbrechen wollen. Morgen wollen sie weiter nach Tirana und in die albanischen Alpen, eine Drei-Tages-Wandertour machen: Von Shkodër zuerst mit dem Bus zum Koman-See, mit der Fähre rüber nach Valbonë. Am nächsten Tag nach Theth wandern und am dritten Tag zurück nach Shkodër. Ich gebe ihnen noch ein paar Tips; die Zeit in Albanien sei viel zu kurz, bemerken sie und sind sich sicher, bald wiederzukommen.

Ura e Kadiut, Bënja

Ura e Kadiut, Bënja

Der Abschied von Dona, Beni und Simon fällt mir ausgesprochen schwer. Nur zu gerne wäre ich noch ein, zwei Nächte hier geblieben, aber die Neugierde auf Neues ist groß, und ich muss in zehn Tagen wieder zurück in Hamburg sein. 2.200 Kilometer nordwestlich von hier, wo es nach wie vor gut fünf Grad heisser und ist als hier – und Regen hatten sie zu Hause schon seit Wochen nicht mehr.

Die heißen Quellen von Bënja sind ausgeschildert, eine gute, asphaltierte Straße führt bis zu einem kleinen Parkplatz. Für 200 Lek (ca. 1,60€) darf man hier den ganzen Tag lang stehen. Ein leichter Schwefelgeruch von den heißen Quellen liegt bereits in der Luft, und nach rund 200 Metern Fußweg ist die Ura e Kadiut, eine alte osmanische Steinbogenbrücke, erreicht. Diese überquert den Lengarica-Fluss und bietet den einzigen Zugang zu der größten der insgesamt sechs heißen Quellen, welche hier in ein Natursteinbecken eingefasst ist.

Heisse Quellen von Bënja

Heisse Quellen von Bënja

An der Quelle herrscht reges Treiben, überall wuseln Badende durch die Gegend und genießen das schöne Wetter und das 30°C warme Wasser der größten und bekanntesten Quelle des Landes. Ich habe heute morgen bereits geduscht und bin eher neugierig auf die Schlucht, da mir hier an den Quellen bereits zu viel Troubel herrscht. Ich gehe zurück zum Bulli und hole mir meine Badelatschen.

Eingang zur Lengarica-Schlucht durch die Katiut-Brücke

Eingang zur Lengarica-Schlucht durch die Katiut-Brücke

Der Lengarica-Canyon führt im Sommer sehr wenig Wasser, im Durchschnitt nur rund 1m³ pro Sekunde. Im Jahresdurchschnitt sind es rund 5m³, und bei Jahrhunderthochwassern können es sogar bis zu 200m³ Wasser pro Sekunde sein. Heute ist der Wasserstand trotz zahlreicher Gewitter in den letzten Tagen sehr niedrig, sodass man den Canyon zu Fuss erkunden kann.

Zu Fuß durch die Lengarica-Schlucht

Zu Fuß durch die Lengarica-Schlucht

Ist das Flussbett anfangs noch recht breit, verengt es sich immer weiter, je weiter man in die rund vier Kilometer lange und bis zu 100 Meter tiefe Schlucht hineinspaziert. Unterwegs kommt man an weiteren kleinen heißen Quellen vorbei, und während man durch das Wasser der Lengarica watet, wechselt auch dessen Temperatur häufiger von kalt zu warm und zurück zu sehr kalt.

Im Sommer kann die Lengarica-Schlucht zu Fuß durchwandert werden

Im Sommer kann die Lengarica-Schlucht zu Fuß durchwandert werden

Nach rund einer Stunde ist für mich Schluss: Meine Badelatschen bleiben in dem sehr matschigen Untergrund stecken und ich komme nicht mehr wirklich vorwärts. Ausserdem sollte man für die komplette Durchwanderung des Lengarica-Canyon eher einen ganzen Tag einplanen, und eigentlich möchte ich heute noch weiter ans Meer. Für eine nächste Albanien-Reise bleibt die komplette Durchwanderung von daher auf der berüchtigten To-Do-Liste.

Zurück am Didimobil schlägt Google zwei Alternativ-Routen nach Sarandë vor: Einmal entlang der Vjosa über Këlcyra und Gjirokastra, und einmal durch Griechenland. Kilometer- und zeitmäßig nimmt sich Beides nichts, und da ich die Route über Këlcyra bereits kenne und für jeden Unsinn zu haben bin, entscheide ich mich für die griechische Variante.

Auf dem Weg zur griechischen Grenze

Auf dem Weg zur griechischen Grenze

Gibt es eigentlich irgendetwas, was man sich in Griechenland anschauen könnte, wenn man schon einmal dort ist, frage ich mich, und durchstöbere das Internet bei einer kalten Pfirsichlimonade, bevor ich losfahre. Die weltbekannten Meteora-Klöster liegen nur rund 130 Kilometer östlich der von Google empfohlenen Route, dreieinhalb Stunden soll man benötigen. Dann wäre ich heute abend gegen 18 Uhr dort, wenn ich mir Zeit lasse, Campingplätze sind in größerer Stückzahl vorhanden. Morgen dann die Klöster besichtigen und zurück nach Albanien, das würde sogar von der Zeit her noch passen. Sonntag muss ich spätestens Albanien wieder gen Hamburg verlassen.

Nichts los am Grenzübergang Tre Urat

Nichts los am Grenzübergang Tre Urat

Am völlig überdimensionierten Grenzposten Tre Urat ist nichts los, ich bin der einzige Verkehrsteilnehmer, der hier die Grenze zur Europäischen Union überqueren möchte. Der albanische Grenzer schaut kurz in den Personalausweis und es gibt einen kleinen Smalltalk, oft scheinen hier keine deutschen Fahrzeuge die Grenze zu überqueren. Keine zwei Minuten später überquert das Didimobil die albanisch-griechische Grenze.

Hellas - Willkommen in Griechenland

Hellas – Willkommen in Griechenland

Auch auf griechischer Seite hat man die Ruhe weg. Der Personalausweis wird kurz eingescannt, auch hier kommen deutsche Touristen – wen wundert es – eher selten vorbei. Einen kurzen Blick ins Didimobil müsse der Grenzer dennoch werfen, und er entschuldigt sich sogar dafür. Schiebetür auf, Kofferraum auf, kurzer Blick genügt. Wo ich hinwolle, möchte er noch wissen. Meteora, antworte ich. Oh, das soll sehr schön sein, es werde mir bestimmt gefallen. Als ich mich auf griechisch bedanke, gibt es sogar noch einen Händedruck zum „Abschied“. Willkommen im 23. europäischen Land für Didi und das Didimobil.

Tote Hose auch auf griechischer Seite

Tote Hose auch auf griechischer Seite

Ein einsamer älterer Herr steht neben dem Grenzgebäude und spricht mich an, vermutlich sucht er eine Mitfahrgelegenheit. Zu gerne würde ich ihm den Gefallen tun und ihn mitnehmen, doch leider kenne ich mich hier nicht sonderlich gut aus, und da er ausschließlich griechisch spricht, ich aber außer den Standardfloskeln von den Servietten griechischer Restaurants in Deutschland kein griechisch spreche, werden wir uns nicht einig, wo genau er denn nun hinmöchte. Ich hoffe für ihn, dass innerhalb der nächsten Stunden ein Fahrzeug die Grenze passiert, dessen Fahrer ihn versteht.

Dunkle Wolken ziehen auf: Griechenland

Dunkle Wolken ziehen auf: Griechenland

Zum Glück habe ich den älteren Herren nicht mitgenommen, denn schon kurz nach der Grenze gabelt sich die Straße, und Google kennt zwei in etwa gleich lange Varianten zu den Meteora-Klöstern: Einmal rechtsherum und einmal nach links. Die rechte Straße sieht interessanter aus, und so entscheide ich mich dür diese.

Hätte ich doch bloß in Physik besser aufgepasst...

Hätte ich doch bloß in Physik besser aufgepasst…

Quer über alle Berge schickt Tante Google mich, allerdings verschlägt es ihr oftmals die Stimme, weshalb ich versuche, den Schildern zu den jeweils nächstgrößeren Orten zu folgen. Das ist gar nicht so einfach, sind doch viele Straßenschilder hier auf physikalisch geschrieben: α, β, γ, δ. Sogar µ und Ω sind ab und an mal dabei. Wer soll denn DAS bitte lesen können?

λίμνη Παμβώτιδα

λίμνη Παμβώτιδα, Pamvotida-See

Unterwegs komme ich am Rande des λίμνη Παμβώτιδα vorbei, dem Pamvotida-See. Von der Straße am Nordrand des Sees hat man einen tollen Blick auf den auch Ioannina-See genannten, rund 10.000 Jahre alten See, in dessen Mitte sich die Ioannina-Insel befindet. Auf dieser fand Ali Pascha, seines Zeichens albanischer Pascha osmanischer Abstammung, seinen letzten Rückzugsort vor dem osmanischen Heer, bevor er ebendort im Jahre 1822 von diesem getötet wurde.

λίμνη Παμβώτιδα, Pamvotida-See mit Ioannina-Insel

λίμνη Παμβώτιδα, Pamvotida-See mit Ioannina-Insel

Was mir auf den ersten Kilometern in Griechenland auffällt, ist der viele Müll, der hier am Straßenrand herumliegt. Während sich das albanische Müllproblem hauptsächlich auf Wasserläufe oder wilde Müllkippen abseits der Straßen und Wege beschränkt, so schmeißen viele Griechen ihren Unrat scheinbar gerne einfach so auf die Straße vor ihrer eigenen Haustür.

Für ein paar Kilometer nutze ich die Autobahn, was normalerweise nicht meine bevorzugte Reiseart ist, und prompt werde ich dafür zur Kasse gebeten: 2,30€ möchte die freundliche Dame im Kassenhaus einer Mautstelle für die rund 35 Autobahnkilometer haben. Angesichts der Masse an Kunstbauten auf diesem sehr bergigen Abschnitt in meinen Augen durchaus fair.

Griechische Autobahn

Griechische Autobahn

Gegen 18 Uhr tauchen am Horizont das erste Mal die markanten Felsnadeln von Meteora auf. Auch ohne ein einziges Kloster ausmachen zu können, ist der Anblick durchaus imposant. Ich glaube, die Idee, hierher gefahren zu sein, war goldrichtig.

In dem kleinen Ort Kastraki direkt unterhalb der Klöster soll es einen sehr guten Campingplatz geben. Die Google-Tante navigiert mich durch kleine Nebenstraßen anstatt den einfachen Weg über die Hauptstraße, findet aber die Einfahrt zum Vrachos Camping Kastraki auf Anhieb.

Kastraki

Kastraki

Ich bin noch gar nicht ganz zum Stehen gekommen, da kommt schon der Platzwart auf mich zu. Er spricht deutsch, Platz habe er noch zu Genüge und ich könne mich einfach irgendwo hinstellen, wo es mit behage. Eine kleine Taverne gibt es ebenfalls, hier wird frisch gegrillt und es gibt auch typisch griechische Gerichte von der Karte. Ich bestelle mir Moussaka, es schmeckt hervorragend. Dazu gibt es ein leckeres, kaltes Mythos, ein Bier, welches ich seit Schließung meiner Lieblingskneipe zu Hause vor etlichen Jahren nicht mehr getrunken habe.

Erfrischend lecker: Mythos.

Erfrischend lecker: Mythos. ♥

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