Das obere Lahntal

Gestern hatte ich mich gleich für zwei Nächte auf dem Campingplatz in Wetzlar eingebucht, denn heute möchte ich einen Teil des Lahntals erkunden. Das obere Lahntal soll bekannt sein für seine vielen malerischen Burgen und Schlösser, und es ist bei Kanufahrern schon längst kein Geheimtip mehr. In Weilburg gibt es den einzigen Schiffstunnel Deutschlands, und vielleicht schaffe ich es noch bis nach Limburg mit seinem prächtigen Dom. Das Didimobil hat heute wieder einmal frei. Das obere Lahntal ist durch die Lahntalbahn mindestens im Stundentakt erschlossen, und dank des 9-Euro-Tickets braucht man sich nicht mit undurchsichtigen Tarifen und überteuerten Fahrpreisen herumärgern.

Braunfels

Den Bus vom Campingplatz zum Bahnhof habe ich leider gerade verpasst, zu Fuß kann man es in 15 Minuten zum Bahnhof schaffen – denke ich. Leider finde ich den Zugang zum Fußweg entlang des Einkaufszentrums am Bahnhof nicht und lande 50 Meter vom Bahnhof entfernt in einer Sackgasse, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. So sehe ich den Zug an mir vorbeifahren und bereite mich auf eine Stunde Wartezeit vor. Da das 9-Euro-Ticket nicht nur im Zug, sondern auch auf allen Regionalbuslinien gilt, schaue ich in meiner App nach, wie man am besten zum Schloss Braunfels kommt. In zehn Minuten fährt ein Bus mit Umstieg in Bonbaden, und der hält sogar fast direkt am Schloss. Perfekt. 🙂

Braunfels mit Schloss

Braunfels, Blick aufs Schloss

Die Busfahrt ist überraschend angenehm, und der „Umstieg“ ist ansich nur eine Änderung der Liniennummer, sodass ich direkt sitzen bleiben kann. Der Bahnhof ist gute vier Kilometer vom Schloss Braunfels entfernt. Durch mein kleines „Malheur“ erspare ich mir den Fußweg und stehe ungefähr zeitgleich auf dem Marktplatz.

Der Marktplatz von Braunfels

Der Marktplatz ist gesäumt von vielen historischen Fachwerkhäusern aus der Zeit nach dem großen Stadtbrand 1679. In der Mitte des Marktplatzes befindet sich der Marktbrunnen aus dem Jahre 1727. Vermutlich bildete das Ensemble des Marktplatzes mit dem Brunnen die Vorlage für eine Kulisse aus dem James Bond Film Octopussy aus dem Jahre 1982. Am westlichen Ende des Marktplatzes befindet sich ein erstes Tor der ehemaligen Festung und damit ein Zugang zum Schloss.

Marktplatz von Braunfels mit Marktbrunnen

Marktplatz von Braunfels mit Marktbrunnen

Marktplatz, Blick auf den Schütt

Marktplatz, Blick zum Schütt

Ich durchschreite das Tor durch den ersten von drei Verteidigungsringen. Hier befindet sich die Straße Schütt, welche sich direkt hinter der äußeren Burgmauer befindet. Die märchenhaften Fachwerkhäuser wurden hier um die letzte Jahrhundertwende errichtet.

Schloss Braunfels

An der Untersten Pforte, dem ersten von drei Zugangstoren zum Schloss, befinden sich heute ein Hotel und ein Café. Die wenigen Meter bis zur Mittleren Pforte bilden eine Art Vorplatz, von dem die Stichstraße Schütt abzweigt. Das markanteste Gebäude dort dürfte die ehemalige Amtskasse aus dem Jahre 1901 mit dem markanten Türmchen sein.

Untere (links) und Mittlere Pforte (rechts)

Untere (links) und Mittlere Pforte (rechts)

Blick zurück

Marktplatz

Die drei Pforten bzw. Verteidigungslinien liegen sehr dicht beieinander, gleich hinter der als Glockenturm bezeichneten Oberen Pforte befindet sich der restaurierte ehemalige Brunnen von Schloss Braunfels. Auch hier wurde der innere Verteidigungsring um die letzte Jahrhundertwende mit Wohnhäusern bebaut.

Brunnen Schloss Braunfels

Brunnen Schloss Braunfels

Blick durch drei Pforten

Blick durch alle drei Pforten

Schloss Braunfels selber wird heute noch von der Familie des Grafen von Oppersdorff zu Solms-Braunfels bewohnt. Für 4,-€ kann man das fürstliche Familienmuseum erkunden, eine Schlossbesichtigung ist nur dienstags, donnerstags und an Wochenenden an mehreren Teminen pro Tag für 9,-€ möglich. Ich möchte den Prinzen Grafen am Samstagvormittag lieber nicht stören und belasse es bei einer Besichtigung von aussen.

Schloss Braunfels

Schloss Braunfels

Treppenaufgang zum Wach- und Paradeplstz

Treppenaufgang zu Wache und Paradeplatz

Ansich wollte ich auf dieser Tour eine Burg plündern und brandschatzen, oder alternativ einfach einnehmen und meinen Lebensabend dort verbringen. Schloss Braunfels ist jedoch ein Schloss, welches lediglich optisch an eine Burg erinnert, und bewohnt ist es auch noch. Was mich aber letztendlich doch davon abhält, das Schloss jetzt mein Eigen zu nennen, ist die flauschige Überwachungskamera, der hier in Braunfels so schnell nichts entgeht. 😉

Besser als jede Überwachungskamera

Besser als jede Überwachungskamera

Mit dem 9-Euro-Ticket durch das Lahntal

Ich bemühe meine Fahrplan-App „Öffi„, mit der ich bislang ausgesprochen gute Erfahrungen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa gemacht habe. In 45 Minuten fährt ein Bus vom Busbahnhof zum Bahnhof in Solms, wo Anschluss an einen Regionalzug nach Weilburg besteht. Zwei Minuten vom „Busbahnhof“ in Braunfels entfernt gibt es ein Eiscafé, wo ich mir ein kleines Frühstück und einen Eiskaffee gönne, bevor mich der Bus zum etwas abgelegenen Bahnhof Solms bringt.

Bahnhof Solms

Bahnhof Solms

Der kleine Triebzug besteht aus nur einem Wagen und ist gut gefüllt. Ich ergattere einen Sitzplatz und genieße die Klimaanlage für die nächsten 15 Minuten. In Weilburg verlasse ich den Zug. Hier soll es den einzigen Schiffstunnel Deutschlands geben, das muss ich mir genauer anschauen.

Weilburg

Bahnhof Weilburg Lahn

Bahnhof Weilburg an der Lahn

Vom Bahnhof aus folge ich der Bahn über den Eisernen Steg auf die gegenüberliegende Seite der Lahn. Bis vor Kurzem führte ein schmaler, maroder Betriebsweg am Rande der Eisenbahnbrücke über den Fluss, 2020 erfolgte dann der Bau einer komplett neuen Brücke für Fußgänger und Radfahrer parallel zur Bahn für 2,2 Millionen Euro – und landete sofort im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler. Ich hingegen finde die neue Brücke recht angenehm.

Weilburg, Eiserner Steg mit Kanufahrer und Tunnelportal

Weilburg, Eiserner Steg mit Kanufahrer und Tunnelportal

Von der Brücke aus hat man einen guten Blick sowohl auf den sich an die Brücke anschließenden Eisenbahntunnel mit dem markanten Tunnelportal, als auch auf die vielen Kanufahrer, welche die Brücke auf der Lahn passieren.

Der Weilburger Schifffahrtstunnel

Zwischen 1844 und 1847 wurde der Weilburger Schifffahrtstunnel gebaut, um während der aufkommenden Industrialisierung das obere Lahntal und insbesondere die Erzgruben und Steinbrüche besser an den Rhein und den Rest Deutschlands und Europas anbinden zu können. In Weilburg macht die Lahn eine rund zwei Kilometer lange Schleife, auf der sie trotz zweier Wehre einen Höhenunterschied von knapp fünf Metern überwindet und ein massives Hindernis für die Schifffahrt darstellt.

Weilburger Tunnelensemble: Rechts Eisenbahn, links Schiff

Weilburger Tunnelensemble: Rechts Eisenbahn, links Schiff

Heute ist der Weilburger Schifffahrtstunnel auch als Weilburger Tunnelensemble bekannt, da hier geich drei Tunnel parallel dicht beieinander die Lahnschleife abkürzen: In der Mitte der 195 Meter lange Schiffstunnel von 1847, östlich davon der 302 Meter lange Weilburger Eisenbahntunnel von 1857 und im Westen der erst 2004 errichtete 132 Meter lange Mühlbergtunnel für den Straßenverkehr.

Zwei-Kammer-Koppelschleuse

Zwei-Kammer-Koppelschleuse

Reger Betrieb im Weilburger Schiffstunnel

Reger Betrieb im Weilburger Schiffstunnel

Der Schiffstunnel hat heute für die nahezu eingestellte kommerzielle Lahnschifffahrt keine Bedeutung mehr. Vielmehr nutzen an schönen Sommertagen unzählige Kanufahrer und Wassersportler die Abkürzung durch den Tunnel, an den sich am südlichen Ende eine handbetriebene Zwei-Kammer-Schleuse anschließt, um die Höhendifferenz von 4,65 Metern zwischen den beiden Lahnpegeln zu überwinden.

Kanufahrer am Ende des Weilburger Schifffahrtstunnels

Kanufahrer am Ende des Weilburger Schifffahrtstunnels

Schon als ich über den Eisernen Steg die Lahn überquerte, erblickte ich ein riesiges Schloss oberhalb der Stadt empor ragen. Deshalb beschließe ich, der Lahnschleife flussaufwärts zu folgen und mir den prächtigen Prunkbau etwas näher anzuschauen.

Weilburger Rollschiff

Unweit des Weilburger Tunnelensembles befindet sich das Weilburger Rollschiff. Ähnlich der Gierseilfähre über die Donau in Ottensheim wird der kleine Kahn schon seit über 300 Jahren mit Muskel- und Wasserkraft an einem Seil über die Lahn befördert. 50 Cent kostet die Überfahrt, auf der der Fährmann die Fähre an einem auf Rollen gelagerten Seil über den Fluss zieht. Diese Rollen geben dem Schiff seinen Namen.

Weilburger Rollschiff

Weilburger Rollschiff

Das kurze Übersetzen auf dem lautlosen „Schiff“ ist wie ein kleiner Zwei-Minuten-Urlaub, und das sogar für an Schiffe gewöhnte Hamburger.

Steinerne Brücke

Nach einem kleinen Spaziergang durch das Lahntal taucht das majestätische Weilburger Schloss auf der anderen Lahnseite auf. Stolze 400 Meter misst die Front des Barockbaus aus der Mitte des 16. Jahrhunderts und umfasst somit fast die Hälfte der Fläche der historischen Altstadt Weilburgs.

Schloss Weilburg mit Steinerner Brücke

Schloss Weilburg mit Steinerner Brücke

Die heutige Steinerne Brücke stammt aus dem Jahre 1769, nachdem mehrere Vorgängerbauten durch Hochwasser oder Eisgang an gleicher Stelle zerstört wurden. Bis 2004 diente die 83 Meter lange Steinerne Brücke als wichtigste Querungsmöglichkeit der Lahn in Weilburg und führte die beiden Bundesstraßen 49 und 456 mitten hinein in die viel zu schmale Altstadtdurchfahrt. Heute sorgt eine innerörtliche Umgehungsstraße mit dem bereits erwähnten Mühlbergtunnel dafür, dass die Steinerne Brücke nur noch dem geringen innerörtlichen Verkehr dient.

Weilburger Altstadt

Ich überschreite die Steinerne Brücke und schlendere durch die Weilburger Altstadt den Bergsporn hinauf, auf dem das Weilburger Schloss steht. In der engen Gassen der sehr überschaubaren Altstadt gibt es viele Restaurants und Cafés, die zum Verweilen einladen. Da ich gar nicht geplant hatte, so lange in diesem wunderschönen Ort zu verweilen, mache ich mich ohne Stärkung weiter auf den Weg zum Schloss.

Schloss Weilburg

Schloss Weilburg, Schlosshof

Schloss Weilburg, Schlosshof

Im nahezu quadratischen Schlosshof finden im Sommer aufgrund der guten Akustik regelmäßige Freiluftaufführungen statt. Auch heute ist bereits alles vorbereitet und der gesamte Hof steht voll mit Stühlen. Die zum Innenhof gerichtete Nordfassade erinnert unweigerlich an die britische Architektur aus der Zeit von William Shakespeare, und man könnte meinen, dass dieser hier heute abend ein Gastspiel gäbe.

Marktplatz

Zentraler Platz neben dem Schloss ist der Marktplatz mit der imposanten Schlosskirche, welche aber derzeit aufgrund von Sanierungsarbeiten zu großen Teilen eingerüstet ist. Viele Restaurants säumen die Ränder des erst Anfang des 18. Jahrhunderts angelegten Marktplatzes, welcher sich zusammen mit dem Schloss auf der Spitze eines Bergspornes befindet.

Marktplatz Weilburg

Marktplatz Weilburg

Schlossgarten

Vom Marktplatz gelangt man durch ein Tor in der Schlossmauer in den barocken Schlossgarten. Was dem Besucher sofort ins Auge springt ist das Lindenboskett im südlichen Bereich des in Terrassen angeordneten Schlossgartens. Wie auch auf dem Platz vor dem Schloss stehen hier Linden in symmetrischen Reihen und bilden durch geschickten Schnitt der Schlossgärtner ein grünes Dach. Gerade bei den derzeitigen Temperaturen eine tolle Sache, so ein schattiges Plätzchen.

Lindenboskett, Schlossgarten Weilburg

Lindenboskett, Schlossgarten Weilburg

Im Schlossgarten neben der oberen Orangerie finden sich neben englischem Rasen einige Skulpturen und Brunnen. Der zentraler Skulpturenbrunnen zeigt Herakles im Kampf mit dem Riesen An­taios, was für einen Kunstbanausen wie mich auf den ersten Blick nicht unbedingt ersichtlich ist. Erstens ist der Riese nicht wirklich viel größer als Herakles, und zweitens macht der Brunnen auf mich den Eindruck, auch zu Zeiten des Grafen zu Nassau-Weilburg im 17. Jahrhudert nicht ganz jugendfrei gewesen zu sein. 😉

Herakles und Antaios

Nicht ganz jugendfrei.

Herakles und Antaios

Herakles und Antaios

Ein weiteres markantes Merkmal des Weilburger Schlossgartens sind die reich verzierten Steinurnen auf der umlaufenden Brüstung zur Lahn hin. Folgt man der Balustrade, die an der Nordseite des Schlossgebäudes beginnt, erreicht man eine weitläufige, nach Süden ausgerichtete Terrasse auf dem Dach der unteren Orangerie. Von hier hat man einen schönen Blick auf den unteren Schlossgarten und den König-Konrad-Platz. Bei einem derart sommerlichen Wetter wie heute braucht man nicht einmal viel Phantasie um sich vorzustellen, man sei irgendwo in Italien.

Berliner-Pankgrafen-Platz

Inzwischen ist es 14:30, gute eineinhalb Stunden habe ich jetzt in dieser absolut sehenswerten Kleinstadt verbracht. Ich schlendere zurück zum Bahnhof, in einer halben Stunde kommt der nächste Zug, der mich weiter ins Lahntal hinein bringen soll. Auf dem Weg zum Bahnhof komme ich am Berliner-Pankgrafen-Platz vorbei. Hier stehen alle möglichen Kuriositäten herum: Ein bunter Berliner Bär und eine Berliner Straßenlaterne mitsamt Straßenschildern, welche an die Städtefreundschaft zwischen Weilburg und Berlin erinnern soll. Ein Rattenfänger aus Hameln Stadtpfeifer aus Weilburg und eine Lore, welche an die lange Tradition des Bergbaus in dieser Region und das 1997 geschlossene Bergamt Weilburg erinnert. Etwas abseits entdecke ich dann noch eine englische Telefonzelle.

Mit der Lahntalbahn nach Runkel

Kurz vor Abfahrt des nächsten Zuges bin ich zurück am Bahnhof. Auf einem Aushang sehe ich das erste Mal, dass die Bahn zu wenig Personal hat und zum wiederholten Male heute das Stellwerk nicht besetzen kann, weshalb der Zugverkehr im Lahntal zwischen Weilburg und Limburg ab 18 Uhr ersatzlos eingestellt wird. Das ist ja fast noch beschämender als bei der S-Bahn in Hamburg. Mein Zug kommt hingegen pünktlich und ich ergattere einen Fensterplatz auf der Lahnseite.

Bahnhof Weilburg

Bahnhof Weilburg

Eine knappe halbe Stunde braucht der Zug bis nach Runkel, wo ich den nächsten Versuch einer Burgeroberung unternehmen möchte. Auf der Lahn sind unglaublich viele Kanufahrer unterwegs, das Lahntal scheint das absolute Eldorado für Wassersportler zu sein. An mehreren kleinen Staustufen müssen die Kanus von Hand über das Hindernis getragen werden, während der klimatisierte Zug zügig an den armen Paddlern vorbeigleitet. Viele Campingplätze bieten im Lahntal einen direkten Zugang zum Fluss und bieten somit idealste Bedingungen für Wasserwanderer, an mehreren Tagen die gesamte Lahn zu befahren.

Runkel

Pünktlch erreicht der Zug Runkel. Vom Bahnhof aus ist es nicht weit bis zum Objekt meines Begehrens, der malerischen Burg Runkel. Über eine steinerne Brücke aus dem Jahre 1448, die auch heute noch dem innerörtlichen Verkehr dient, gelangt man an den Fuß eines Felsspornes, auf dem die mächtigen Ruinen der mittelalterlichen Höhenburg thronen. Das Lahntal zeigt sich hier von seiner schönsten Seite.

Wie aus dem Bilderbuch: Runkel

Wie aus dem Bilderbuch: Runkel

Über eine kleine handbetriebene Schleuse für die Kanufahrer gelangt man auf die sogenannte Badeinsel. Unter einem schattenspendenden Baum hat sich eine Gruppe Künstlerinnen eingefunden. Man versucht sich an der zeichnerischen Umsetzung des märchenhaften Motives von der Burg Runkel mit Altstadt und steinerner Lahnbrücke im Vordergrund. Nebenan verschaffen sich ein paar Menschen eine Erfrischung im kühlen Nass des Flusses.

Künstlergruppe vor Burg Runkel

Künstlergruppe vor Burg Runkel

Noch nicht gaz fertig ;)

Noch nicht gaz fertig 😉

Ich schlendere hinauf zur Burg Runkel. Mit dem Einnehmen und Plündern wird es auch hier schwierig, die scheint schon jemandem zu gehören, und der verlangt auch noch fünf Euro, um sie nach kurzer Belagerung zumindest kurzeitig Erobern zu dürfen. 😉

Burg Runkel

Die Mitte des 12. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnte Burg Runkel besteht zum einen aus dem noch intakten Wohntrakt und den Ruinen der Wehranlagen, wobei der sehr in Mitleidenschaft gezogene Bergfried für Besucher besteigbar ist.

Eingang Burg Runkel

Eingang Burg Runkel

Unterburg

Ein kleiner Flyer mit allem Wissenswerten über die Burg Runkel wird einem am Einlass mitgegeben, die erwähnten Punkte in dem Flyer entsprechen den Nummern, die – manchmal etwas versteckt – an den einzelnen Objekten angebracht sind. Ein ostdeutsches Ehepaar läuft planlos hin und her und versteht den Zusammenhang zwischen der Numerierung im Flyer und den überall an den Wänden hängenden Nummern nicht.

Als Besucher gelangt man zuerst in die Unterburg. Die Unterburg besteht aus meist dreigeschossigen Gebäuden, die zeitweise noch von der Familie des Prinzen zu Wied bewohnt werden, und gruppieren sich zu einem kleinen Innenhof, welcher gärtnerisch gestaltet ist. Von hier gelangt man durch einen Torbogen in den Innenhof der Oberburg. Der Innenhof der Oberburg wirkt durch die Höhe der umgebenden Gebäude recht beengt, wobei der Bergfried mit seinen rund 30 Metern von hier kaum zu erkennen ist.

Innenhof der Oberburg

Innenhof der Oberburg

Kanone gegen Eroberer

Kanone gegen Eroberer

Oberburg

Der Rundweg durch die Burg Runkel führt durch einige Ausstellungsräume, in denen das Leben im Mittelalter nachgestellt ist oder historische Modelle von Burg und Stadt gezeigt werden. Anschließend begibt man sich durch möglichst originalgetreu rekonstruierte Räumlichkeiten wie ein Esszimmer oder Jagd- bzw. Aufenthaltsräume. Interessant dabei ist, dass von der Nordseite aus der Erzfeind auf Burg Schadeck immer sichtbar ist. Die Burg wurde 1276 bis 1288 von Heinrich von Westerburg, einem Vetter Siegfrieds, dem Besitzers von Burg Runkel, errichtet. Erbstreitigkeiten trieben beide auseinander und Heinrich errichtete auf der gegenüberliegenden Lahnseite die Burg Schadeck in Sicht- und Wurfweite zu Burg Runkel. Einen gegenseitigen Angriff hat es allerding nie gegeben.

Esszimmer

Esszimmer

Die gute Stube

Die gute Stube

Blick auf Burg Schadeck

Blick auf Burg Schadeck

Der Bergfried

Dass im Lahntal und auf Burg Runkel seinerzeit auch Wein gekeltert wurde zeigt ein Raum unterhalb des Bergfriedes. Hier stehen eine alte Weinpresse und ein Weinfass. Ein Stockwerk höher befindet sich sogleich die Folterkammer. Insgesamt ist die Einrichtung im teilzerstörten Ostflügel sehr spartanisch und die Gängeführung erinnert eher an ein Labyrinth als an einen Wohnturm eines ehemaligen Hochadels.

Glücklicherweise sind die Oberburg und auch der Bergfried aus massiven Steinen gebaut, und so schafft es der Didi mit seiner Höhenangst sogar bis ganz nach oben auf den Bergfried. Von hier oben genießt man einen wunderschönen Rundumblick über das Lahntal und das Örtchen Runkel – und natürlich auch hinüber zu Heinrichs Trutzburg Schadeck. Vielleicht sollte ich mir das mit dem Erobern allein des Ausblickes wegen noch einmal durch den Kopf gehen lassen. 🙂

Blick vom Bergfried auf die Lahn ...

Blick vom Bergfried auf die Lahn …

... und auf den Ort Runkel

… und auf den Ort Runkel

In einer guten Stunde um 17:34 fährt der letzte Zug zurück nach Wetzlar, weil die Bahn nicht genügend Personal hat. Ich könnte alternativ noch weiter nach Limburg fahren, dort gibt es für die Expresszüge durch das Lahntal angeblich einen Ersatzbus, der aber fast eine Stunde länger unterwegs ist als der Zug. Auf dem Weg hinauf zur Burg entdeckte ich ein kleines Café, welches Quiche Lorraine serviert und ich beschließe, mich dort erst einmal zu stärken und zu überlegen, was ich mache.

Abenteuer Bahn

Ich entscheide mich für den Rückzug und nehme den letzten Zug des Tages um 17:34. Am kleinen Bahnhof von Runkel stehen bereits gut 30 Fahrgäste, die meisten Kanufahrer:innen, die mit dem Zug zurück zu ihrem Startpunkt fahren wollen. Die Wenigsten wissen, dass dies heute der letzte Zug des Tages im Lahntal sein wird, laut Fahrplan fahren die Züge noch bis 23 Uhr im Stundentakt.

Bahnhof Rukel

Bahnhof Rukel

Der Zug kommt bereits mit rund zehn Minuten Verspätung an und ist sehr voll. Ich schaffe es, noch einen der letzten Sitzplätze zu ergattern. An den nächsten Stationen wird es richtig kuschelig, schon zwei Stationen später passen nur mit Mühe und Not noch alle Menschen in den kleinen Zug. Niemand scheint sich dessen bewusst zu sein, dass es heute keinen weiteren Zug geben wird, und so ist die Stimmung an den nächsten Stationen, wo teilweise hunderte Fahrgäste zurückbleiben müssen, sehr entspannt. Die Kanufahrer kennen es, dass man einfach den nächsten Zug nimmt.

Nichts geht mehr in Aumenau

Nichts geht mehr in Aumenau

Mit gut 20 Minuten Verspätung treffe ich wieder in Wetzlar ein. Ich gehe noch einmal hinunter an die Lahn und genehmige mir zum Abschluss eine Brotzeit und ein, zwei kühle Bier in einem Biergarten. Zurück zum Campingplatz laufe ich entlang der Lahn und erreiche diesen mit Einbruch der Dunkelheit. Ich falle glücklich und zufrieden in mein Bett. Das Lahntal wird mich sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen haben und ich kann nur jedem empfehlen, die wunderschöne Gegend um das Lahntal selber einmal zu besuchen.

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